20.05.2018

Hochsensibilität als Beeinträchtigung

Warum Hochsensibilität oftmals als eine Beeinträchtigung oder sogar Krankheit wahrgenommen wird, obwohl sie keine ist.

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Die Frage, ob Hochsensibilität eine Beeinträchtigung oder ein natürliches Wesensmerkmal ist, hält sich wacker, da die Forschung hierzu noch in den Kinderschuhen steckt und ausgerechnet die Psychotherapie dem Thema mit viel Skepsis begegnet. Hinzu kommt, dass Therapeuten nur einen Teilbereich der Hochsensiblen in ihren Praxen als Patienten haben die klinisch erfasst werden, da sich diejenigen hochsensiblen Menschen, die in einem guten Umfeld aufwachsen, meistens sehr gut anpassen, in bestehende Strukturen integrieren und unauffällig für sie Vorteilhafte Lebensbedingungen erreichen können. Diese letzte Sorte hochsensibler fällt uns kaum auf, sogar dann, wenn wir sie gut kennen. Sie sind nicht diejenigen, die uns in den Sinn kommen, wenn wir an Hochsensibilität denken.

Auf der anderen Seite gibt aufgrund der erhöhten Verletzlichkeit, die mit der Hochsensibilität einhergeht, viele sensible Menschen, die psychisch und seelisch leiden, und diese Menschen stechen so stark hervor, dass wir dazu neigen, Sensibilität und Leid automatisch in unseren Köpfen zu verknüpfen. Sogar bei gesunden Hochsensiblen fällt uns deren Sensibilität hauptsächlich auf, wenn diese "zu leicht kränkbar" sind oder "zu schnell von ein wenig Lärm belästigt". Außerdem sind Hochsensible eine Minderheit, sodass sie nicht normal in dem Sinne sind, dass sie so sind, wie die meisten anderen Menschen auch. Die Hochsensiblen sind wirklich anders. Bei einem HSP-Test gibt es Menschen, die jede Frage mit ja beantworten, und solche, die jede Frage mit nein beantworten. Das ist eine sehr große Bandbreite an Erleben und Verhalten, doch die gesamte Bandbreite ist normal.

Oftmals entsteht auch Verwirrung, weil Hochsensibilität Ähnlichkeiten zu bestimmten Symptomen von psychischen Problemen und Störungen aufweisen kann. So kann der Wunsch von sensiblen Menschen, zu warten, bevor sie sich in eine neuartige Situation begeben, als exzessive Schüchternheit erscheinen - oder dies auch werden. Oder die Tendenz, die Konsequenzen von Handlungen ständig abzuwägen, kann als Symptomatik einer Angststörung gewertet werden. Auch hier ist es wichtig, festzuhalten, dass der Entwicklung von einer noch gesunden und normalen, aufgrund der Sensibilität bedingten Abwägung zu einer chronischen Angststörung tatsächlich passieren kann. Deshalb ist eine gute, die Hochsensibilität einbeziehende Diagnostik für sensible Menschen von großer Bedeutung, um einerseits Diagnosen von Krankheiten zu vermeiden, die man gar nicht hat, und andererseits auch kein Leid mit sich herumtragen zu müssen, was man durch die richtige Unterstützung auch ablegen könnte.

Der vielleicht wichtigste Punkt ist aber die Neigung zur Übererregung des Nervensystems, das oftmals eine Nebenwirkung der Hochsensibilität sein kann. Diese Eigenschaft kann zur Übererregung in genau den Situationen führen, die für Menschen am wichtigsten sind, und dadurch kurzfristig zu Unbehagen und Leistungseinbrüchen, langfristig zu vermindertem Selbstwertgefühl und zu einer starken Neigung zu einem riskanten Verhalten führen. Wenn man also einige der natürlichen Konsequenzen dieses Wesensmerkmals mit dem Wesensmerkmal selber verwechselt, kann es uns nur wie etwas erscheinen, was einfach nur ein Syndrom oder eine psychische Krankheit ist. Und doch ist die Hochsensibilität weder eine Krankheit, noch eine Beeinträchtigung. Im Gegenteil kann sie ein Geschenk für das eigene Leben sein und auch große Vorteile mit sich bringen.

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M.Sc.Psych. O. Nazım Kılıç
CEO & Gründer von Zensitively, Klinische Psychologie & Psychotherapie (MSc)
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