27.12.2021

Was ist Hochsensibilität?

Was ist Hochsensibilität eigentlich? Was bedeutet es, eine hochsensible Person zu sein? Warum fühlt sich das Leben als HSP oft so schwer an? Woran erkenne ich, ob ich hochsensibel bin? Was brauchen hochsensible Menschen, um zu gedeihen?

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Dieser Artikel ist eine Grundlage für das Verstehen von Hochsensibilität und wird versuchen, auf diese Fragen einzugehen. Er wurde zuletzt im Dezember 2021 aktualisiert und wird immer auf dem aktuellen Stand gehalten und erweitert. Er wird verfasst und aktualisiert von M.Sc.Psych. Nazım Kılıç, der sich als Psychologe auf das Thema Hochsensibilität spezialisiert hat.

Was ist Hochsensibilität?

Was ist Hochsensibilität eigentlich? Was bedeutet es, eine hochsensible Person zu sein?

Hochsensibilität, auch Hochsensitivität, Hypersensibilität, Hypersensitivität oder Neurosensitivität genannt, ist eine Bezeichnung für Lebewesen, die deutlich sensibler sind als die große Mehrheit ihrer Spezies. Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern eine natürliche Veranlagung, und sie scheint nach aktuellen wissenschaftlichen Studien sogar einen evolutionären Vorteil zu bieten, solange die Anzahl der hochsensiblen Individuen unter einer gewissen Schwelle bleibt (ca. 15-20%).

Hochsensible Menschen arbeiten in kreativen Berufen, sind als Selbstständige und Unternehmer tätig, oder aber auch als Angestellte; sie haben Familien oder sind alleine, sind Eltern oder lieber mit Tieren - sie scheinen sich also auf den ersten Blick nicht von anderen zu unterscheiden. Die meisten hochsensiblen Menschen wissen noch nicht einmal, dass sie hochsensibel sind.

Das liegt daran, dass der größte Unterschied zwischen hochsensiblen und nicht-hochsensiblen Menschen im inneren Erleben liegt. Hochsensible Menschen haben eine intensive, komplexe innere Welt, denn das Leben bewegt sie tief. Sie haben ein intuitives Gespür für Dinge, die nicht offensichtlich sind. Sie kommen z.B. in einen Raum voller Menschen und spüren die Atmosphäre dort. Sie können sagen, ob etwas nicht in Ordnung ist. Für viele hochsensible Menschen fühlt sich das so normal und selbstverständlich an, dass sie denken, alle seien so.

Doch es ist nicht nur die Wahrnehmung der Außenwelt, die intensiver ist. Es ist auch die innere Welt: Psychische Probleme, Krisen, Ablehnung und Verletzungen treffen hochsensible Personen besonders stark. Dinge, die an anderen abzuprallen scheinen, kann sie herunterreißen und sie ganze Tage - manchmal sogar Wochen - lahmlegen.

Obwohl viele hochsensible Menschen versuchen, sich eigene Oasen zu schaffen, leben sie doch mit allen anderen Menschen zusammen in derselben Welt: eine Welt, dominiert und geprägt durch die große Mehrheit der nicht-hochsensiblen. Die Hochsensiblen sind von den gleichen sozialen Normen beeinflusst und geprägt, haben dieselben Überlebensstrategien gelernt wie alle anderen. Sie haben einen gewissen Standard der Sensibilität mitbekommen, den sie als "normal" verinnerlicht haben. Ihre eigene Sensibilität fühlt sich daher oft zu viel an, da sie denken, sie seien zu sensibel, zu empfindlich, zu leicht kränkbar.

Die hochsensiblen Menschen sind die vielleicht letzte große Minderheit, die nicht nur sehr wenig bis überhaupt keine Anerkennung in der Gesellschaft findet, sondern sich noch nicht einmal zusammengeschlossen hat, um sich für die eigene Sache einzusetzen. Es gab und gibt (zum Glück) eine feministische Bewegung, eine Bewegung gegen rassistische Diskriminierung, eine Bewegung für LGBT+ - doch eine vergleichbare Bewegung für Hochsensibilität gibt es bisher keine. Das liegt nicht zuletzt daran, dass hochsensible Menschen dazu neigen, eher abwartend zu sein und sich nicht in den Vordergrund zu drängen.

Oft gehen hochsensible Menschen stattdessen gegen sich selbst: Sie denken, etwas würde mit ihnen nicht stimmen, weil sie nicht so fühlen und empfinden wie andere. Viele beginnen eine Psychotherapie, manche landen in der Psychiatrie oder in der Tagesklinik. Doch auch hier wirken sie fehl am Platze: Die psychotherapeutischen Strategien und Werkzeuge helfen ihnen nicht, denn sie haben keine psychische Störung - sie sind einfach nur hochsensibel.

Bereits die Erkenntnis der eigenen Hochsensibilität kann überraschenderweise einen großen befreienden Effekt auf hochsensible Menschen haben: Plötzlich wird klar, dass sie nicht verrückt sind oder falsch, sondern bloß anders: sensibler, tiefgründiger. Anders als die meisten anderen, aber nicht vollkommen anders.

Was bedeutet es wirklich, hochsensibel zu sein?

Hochsensibel zu sein heißt, besonders zu sein - und zwar in einer Art und Weise, die weniger sensible Menschen nicht nachvollziehen können. Es bedeutet, das Leben intensiver zu erleben. Es bedeutet, auch die Facetten des Lebens zu durchleben, die nicht offensichtlich und an der Oberfläche sind - ob man will, oder nicht.

Es bedeutet z.B. während einer Party, auf der alle Spaß zu haben scheinen, zu spüren, dass in Wirklichkeit eine sehr angespannte Atmosphäre herrscht. Es bedeutet, in einer Freundschaft nach echter Begegnung zu suchen und einem tiefem Verständnis, das sich nicht über Worte vermitteln lässt. Es heißt auch, in der Liebe ein großes Bedürfnis nach Harmonie zu spüren und starke Verlustängste. Im Beruf kann eine wetteifernde Atmosphäre, die andere Menschen motiviert, als große Qual erlebt werden und in der Natur der Kontakt zu Tieren und Pflanzen als heilsam.

Musik kann im Inneren eine heilende Wirkung entfalten, die die hochsensible Person mit der Welt verbunden fühlen lässt. Vor einem imposanten Kunstwerk zu stehen kann zu Tränen rühren, ebenso wie das Leid einer im Fernsehen übertragenen Person.

Warum fühlt sich das Leben als hochsensible Person oft so schwer an?

Die hochsensiblen Menschen sind meist die zartesten Seelen unter uns: Sie sind oft sehr empathisch, gewissenhaft, einfühlsam und geben anderen viel Raum. Das sind fantastische Eigenschaften und hohe Qualitäten, die von Hochkulturen unserer Zeit geschätzt und geehrt wurden - heute allerdings, in unserer kalten, konkurrenzgeprägten Welt, werden sie als Schwäche gesehen.

Hochsensible Menschen sind die Früherkennungssysteme einer Gesellschaft. Bei Affen wurde in Afrika von Forschern ein Experiment durchgeführt, bei dem die sensibleren Affen aus einem Rudel entfernt wurden, um zu beobachten, welches Schicksal dem Rudel ereilt. Innerhalb weniger Wochen war der gesamte Rudel tot. Es wurde festgestellt, dass die sensibleren Affen dazu neigten, symptomatisch - z.B. durch depressive Verstimmung - darzustellen, wenn etwas im Rudel falsch läuft. Ohne diese hochsensiblen Affen war es dem Rudel nicht möglich, rechtzeitig zu erkennen, was schädigend ist.

Es gibt viele Dinge, die in unserer Gesellschaft falsch laufen: Wir haben menschliche Wärme und authentische Menschlichkeit mit Moral und Gehorsam eingetauscht. Wir haben echte Beziehungen durch soziale Kontakte ersetzt. Wir führen seit Jahrtausenden unaufhaltsam Kriege, in denen Millionen von Menschen sterben. Was wir mit der Natur, dem Klima und den Tieren tun, ist kaum in Worte zu fassen. Es gibt eine sehr große Anzahl von unterdrückten Minderheiten, die an den Rand gedrängt und marginalisiert werden. Frauen werden stark diskriminiert, sexualisiert und als Objekte betrachtet, Männer unter Druck gesetzt, hart und stark sein zu müssen. Menschen werden in soziale Geschlechterrollen eingeteilt und subtil gezwungen, sich entsprechend zu verhalten. Gleichzeitig wird wissenschaftlich-technologischer Fortschritt als die große Erlösung gepriesen, obwohl sie nur Probleme löst, die sie selbst geschaffen hat.

Kurz gesagt: Unsere Gesellschaft, unsere Zivilisation, ist erkrankt. Wie der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti sagte: "es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein." In diesem Sinne müssen hochsensible Menschen Symptome zeigen, wenn sie in dieser kranken Gesellschaft sind. Es ist ihre Aufgabe und ist ein Indikator für die Fehler in der Gesellschaft - und nicht in den Menschen.

Doch anstatt dass die Symptome der Hochsensiblen gehört und gesehen werden, damit die Gesellschaft sich hinterfragt und neu ausrichtet, werden diese sensiblen Menschen stigmatisiert: Ihnen wird die Schuld für ihre Symptome zugeschrieben. Dabei ist ihr Leid nicht psychologisch verursacht, es ist soziologisch bedingt. Darüber schrieb bereits der Begründer der Soziologie, Émile Durkheim, in großer Ausführlichkeit (u.a. auch über Suizid als Folge soziologischer anstatt psychologischer Prozesse).

Es ist für hochsensible Menschen also nicht nur auf persönlicher Ebene wichtig, ihre naturgemäße Rolle als Früherkennungssysteme einzunehmen - sie sind sogar die einzige Möglichkeit für unsere Gesellschaft, eine Revolution zu bewirken und zu einer Menschheit zu werden, die diesen Namen wirklich verdient.

Dieser Prozess wird nicht von außen beginnen. Das Gesundheitssystem und die Gesellschaft als solche wird nicht ihre Sicht von alleine ändern. Es muss damit beginnen, dass hochsensible Menschen aufhören, die Schuld für ihre Symptome, Probleme und Krisen bei sich selbst zu suchen, und anfangen, sie als Zeichen zu lesen. Ähnlich wie Verdauungsprobleme nach einer schlechten Mahlzeit genutzt werden sollten, um die Zutaten dieser Mahlzeit zu hinterfragen (anstatt sich über den eigenen Darm zu beschweren), sollten hochsensible Menschen lernen, ihre Symptome so zu lesen, dass sie verstehen und aufdecken, wo ein Prozess irregeleitet oder festgefahren ist. Das erfordert Entwicklung, radikale Selbstakzeptanz und innere Stärke. Eine hochsensible Person, die diese Stufe erreicht, kann ihre Sensibilität zum Wohle aller einsetzen.

Woran erkenne ich, ob ich hochsensibel bin?

Um einen soliden ersten Eindruck dafür zu bekommen, ob Sie hochsensibel sein könnten, empfiehlt sich unser Test für Hochsensibilität. Dieser basiert auf dem wissenschaftlichen Test für Hochsensibilität, wurde aber weiterentwickelt und gibt zusätzlich dazu viele weitere nützlichen Informationen, wie z.B. die Ausprägung der Negativaspekte im Vergleich zu den positiven Seiten oder die Effektivität der Strategien im Umgang mit der eigenen Sensibilität. Diesen Test können Sie hier finden.

Was brauchen hochsensible Menschen, um zu gedeihen?

Als klinischer Psychologe mit Spezialisierung auf Bewussteinsentwicklung, Achtsamkeit und Hochsensibilität wurde mir früh klar, dass das vorherrschende psychologische und psychotherapeutische Verständnis keinen Raum des Wachstums für hochsensible Menschen bietet. Es mag nach einer Verallgemeinerung klingen, aber es ist wichtig, zu verstehen, dass Psychologen, Psychotherapeuten und auch Ärzte keine Soziologen und keine Philosophen sind, obwohl Hochsensibilität vor allem ein soziologisch-philosophisches Phänomen ist. Psychologen und Ärzte lernen nicht, die Welt und das Leben, die Liebe und die Sinnsuche in ihren Tiefen zu durchleuchten. Sie lernen auch nicht, die soziologischen Zusammenhänge zwischen Symptomen und gesellschaftlichen Normen zu ergründen. Sie sind begrenzt auf die menschliche Psyche - den Bereich, der bei hochsensiblen Menschen am wenigsten mit der ursächlichen Problematik verwandt ist.

Was hochsensible Menschen benötigen, um ein erfülltes Leben zu haben, ist Selbstentwicklung. Selbstentwicklung bedeutet, die eigene Individualität, Integrität und Selbstakzeptanz auf Kosten gesellschaftlicher Anpassung und unseres Egos wachsen zu lassen. Dies ist nur möglich durch Bewusstsein, was von außen zugeführt wird und festgefahrene Prozesse wie Muster, Traumata, Grübeln, Negativspiralen, usw. loslöst und uns von ihnen befreit. Zudem muss diese Bewusstseinsarbeit durch systematische, differenzierte Selbstbeobachtung (nach innen gerichtet als Achtsamkeit, und nach außen gerichtet als Philosophie) begleitet werden.

Das Resultat einer solchen, andauernden inneren Arbeit ist eine natürliche innere Ordnung, die es hochsensiblen Menschen erlaubt, ein von Spontanität geprägtes, inspiriertes, erfülltes, selbstbestimmtes Leben im Flow zu leben.

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M.Sc.Psych. O. Nazım Kılıç
CEO & Gründer von Zensitively, Klinische Psychologie & Psychotherapie (MSc)
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