6 Min. Lesezeit · 16. Juli 2026

AuDHD: Wenn ADHS und Autismus zusammen auftreten

Nazim Venutti, MSc Psych
Nazim Venutti, MSc PsychKlinischer Psychologe und Komponist
AuDHD - abstrakte Illustration zum gemeinsamen Auftreten von ADHS und Autismus

AuDHD ist eine Wortkombination aus den ersten zwei Buchstaben von Autism (engl. für Autismus) und den letzten drei Buchstaben von ADHD (engl. für ADHS). Die Vereinigung der zwei Wörter soll beschreiben, wie sich Aspekte und Eigenschaften von beiden auch in Personen vereinen.

Obwohl „AuDHD“ im Internet als Trend gesehen wird - wie schon bereits ADHS und Autismus - ist es eigentlich alles andere als das. Im Folgenden möchte ich eine kurze historische Übersicht zu AuDHD geben und das Thema anschließend kritisch beleuchten - mit der Hoffnung, dass es einen Mehrwert für alle hat, die sich damit beschäftigen.

Die Geschichte von AuDHD

Autismus und ADHS haben im diagnostischen Denken lange in getrennten Welten gelebt. Autistische Merkmale wurden bis 1980 meist unter „kindlicher Schizophrenie“ einsortiert, bevor das DSM-III (ein Diagnostik- und Forschungsmanual) Autismus erstmals als eigene Diagnose erkannte. Im selben Jahr wurde auch das eingeführt, was wir heute ADHS nennen - damals noch als „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“ (ADD). Doch das DSM-IV enthielt in den ADHS-Kriterien eine Ausschlussklausel, sodass es bis 2013 strukturell unmöglich war, beide Diagnosen gleichzeitig zu bekommen. Traten die Symptome im Rahmen einer „tiefgreifenden Entwicklungsstörung“ auf - und dazu zählte Autismus -, durfte keine ADHS diagnostiziert werden. Wenn eine Person autistisch war, wurden ihre Unruhe, Ablenkbarkeit und Impulsivität also per Definition auch dem Autismus zugeschrieben. Fast zwanzig Jahre lang war AuDHD damit eine unzulässige Diagnose.

Begründet wurde das mit der diagnostischen Hierarchie: Die Symptome eines Menschen sollen möglichst durch eine einzige, übergeordnete Störung erklärt werden - und Autismus galt als die „tiefgreifendere“ Störung, die alle überlappenden Symptome absorbiere. Die Behindertenforschung nennt die Folge dieser Perspektive diagnostic overshadowing: Das dominanteste Etikett überschattet alles, was außerdem noch da ist.

Kliniker*innen begegneten im praktischen Alltag immer wieder Menschen, die nahezu gleich gut in beide Kategorien fielen, und Studien zeigten, dass sich die beiden Gruppen mit den bestehenden DSM-IV-Kriterien kaum sauber trennen ließen. 2013 wurde mit dem DSM-5 endgültig die Konsequenz gezogen und der Ausschluss gestrichen. Dadurch sind seit 2013 Doppeldiagnosen - das AuDHD also - möglich.

Der Begriff AuDHD ist allerdings kein Begriff aus der Psychiatrie, Psychotherapie oder Forschung. Er entstammt als Selbstbeschreibung der Neurodiversitätsbewegung. Die rasante Verbreitung von AuDHD als Selbstzuschreibung begann ungefähr 2022 über soziale Medien. Immer mehr Menschen teilten ihre Geschichten darüber, sowohl die Autismus- als auch die ADHS-Welten zu kennen, und die besondere Herausforderung, nicht zu wissen, mit welcher sie gleich in den Ring steigen müssen.

Auch die Forschung bestätigt inzwischen, was die Community bereits benannte: Etwa 50 bis 70 Prozent der autistischen Menschen erfüllen auch die Kriterien für ADHS - umgekehrt gilt das übrigens nicht, die meisten Menschen mit ADHS sind nicht autistisch. Zwillings- und Familienstudien deuten zudem auf erhebliche gemeinsame genetische Grundlagen hin. AuDHD benennt also etwas Reales, für das das offizielle System schlicht kein Kästchen hatte - und fast zwei Jahrzehnte lang nicht einmal einen erlaubten Gedanken.

Die Probleme mit dem AuDHD-Begriff

Der AuDHD-Begriff ist aber nicht nur unproblematisch. Es sei zunächst gesagt, dass durch diese Kritik niemandem eine Identität abgesprochen werden soll, die mit diesem Begriff verbunden wird. Das größte Problem mit AuDHD ist eigentlich auch gar nicht durch den Begriff oder die Idee dahinter verursacht. Vielmehr zeigt der Begriff eigentlich die Absurdität auf, in die wir uns immer weiter manövrieren.

Eine der größten Einschränkungen für die Neurodiversität ist, dass die meisten ihr zugrunde liegenden Begriffe durch defizitäre Forschung und Sprache geprägt wurden. Vieles wurde durch ein biologisches oder medizinisches Modell betrachtet und beschrieben. So sind Begriffe wie Autismus oder auch ADHS entstanden.

Das Problem daran ist, dass diese Begriffe - selbst wenn wir sie ihrem ursprünglich streng diagnostischen Korsett entreißen - deskriptiv sind. Sie beschreiben Kategorien von Symptomen, an denen ein Mensch leidet.

Wir verstehen zwar, dass sich hinter diesen Symptomen nicht Störungen verbergen, sondern bloß Andersartigkeit, die diskriminiert wird. Doch das Nervensystem hinter den Symptomen ist nebelig.

Das größte Problem dabei ist, dass nicht jedes dieser Symptom-Cluster, die wir dann als Autismus oder ADHS unterteilen, eins zu eins auf eine bestimmte Art des Seins oder Erlebens hindeutet.

Das heißt, ein hochsensibles Nervensystem in einer nicht-förderlichen Umgebung kann Autismus-Symptome, ADHS-Symptome, oder auch beides (AuDHD-Symptome) hervorrufen. Es können auch für zwei Jahre Autismus-Symptome und dann eher ADHS-Symptome sein.

Die Symptom-Ebene ist nicht zwangsläufig zeitlich stabil. Es ist dadurch so, als würde man durch eine Reihe von Krankheiten, an denen ein Mensch erkranken kann, auf die Einzigartigkeit des Menschen schließen wollen. Ein schwieriges Unterfangen.

Dahinter steckt allerdings nicht Willkür, sondern vor allem Neuronormativität. Denn wir betrachten Neurodiversität als Vielfalt der Informationsverarbeitung per se nicht als investitionswürdig. Erst das Erscheinen als Form der Behinderung oder starker, klinisch auffälliger Symptome macht es zu einem finanziell interessanten Forschungsfeld.

Durch Forschende wie Prof. Dr. André Frank Zimpel von der Universität Hamburg, der das dortige Zentrum für Neurodiversitätsforschung leitet, Nick Walker, die die Unterscheidung zwischen Pathologie-Paradigma und Neurodiversitäts-Paradigma geprägt hat, oder Robert Chapman von der Durham University („Empire of Normality“) gibt es zunehmend auch Positionen, die Neurodiversität von Anfang an als „Vielfalt“ denken und framen. Damit ist ein großes Stück Hoffnung verbunden.

Eine funktionale Perspektive auf AuDHD

Der Begriff AuDHD kann vor allem für die Menschen befreiend sein, die zwischen vermeintlich widersprüchlichen Symptom-Welten hin und her pendeln und darin bisher nie erkannt und gesehen wurden.

Aus diesem Grund befürworte ich, trotz aller Kritikpunkte, eine Akzeptanz des Begriffes. Vor allem, solange diese Begriffe als eine Art „Initiation“ betrachtet werden; als Einstieg oder Dekonstruktion von neuronormativen Selbstbildern. Nicht als Endstationen.

Es ist sehr wichtig, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass deskriptive Sammelbegriffe wie ADHS und Autismus nicht dazu dienen, das Nervensystem der Betroffenen zu beschreiben. Sie dienen nur dazu, die Probleme zu beschreiben, die Betroffene erleben, wenn ihr Nervensystem wiederkehrend auf eine Umwelt trifft, die nicht darauf abgestimmt ist. Es ist in fast allen Fällen wichtiger, die Funktionsweise des eigenen Nervensystems zu verstehen, um die Umwelt besser navigieren und mitgestalten zu können, als eine offizielle Diagnose darin zu bekommen, welche Symptomgruppen nun gezeigt werden, wenn das Nervensystem überstrapaziert wird. Die traurige Realität ist nämlich, dass die Umwelt selbst mit Diagnose keine Anstalten machen wird, auf die Bedürfnisse des eigenen Nervensystems langfristig und nachhaltig einzugehen.

Obwohl das Problem also nicht bei der betroffenen Person liegt, ist die Verantwortung, einen Weg zu finden, leider oft doch bei der Person. Es ist so, als würde man eines Morgens aufwachen und sehen, Leute wären in der Nacht in die eigene Wohnung eingebrochen, hätten dort wild gefeiert und wären heimlich wieder verschwunden: Überall zerbrochenes Geschirr, Flecken, Konfetti, Müll. Dabei hatte man die Tür abgeschlossen und konnte nichts dafür. Natürlich ist man nicht schuld an der Situation. Aber es wird trotzdem niemand kommen und die eigene Wohnung aufräumen. Will man also in einer sauberen Wohnung leben, muss man selbst aufräumen, obwohl man den Müll nicht verursacht hat.

Das ist die Situation, in der sich sehr viele neurodivergente Menschen mit hochsensiblen Nervensystemen wiederfinden, vor allem auch Personen, die sich mit AuDHD identifizieren können. Je früher sie diese Situation akzeptieren, umso schneller und besser können sie die persönliche Entwicklung vorantreiben und die Lebenszufriedenheit verbessern.

Der entscheidende Punkt in der persönlichen Entwicklung und Entfaltung ist nach wie vor geprägt von einem umfassenden Verständnis des eigenen Neuroprofils. Dazu zählt Metakognition - vor allem das Wissen darum, wie wir Informationen verarbeiten, also lernen; Dekonstruktion unserer internalisierten Neuronormativität, die Selbstablehnung und Auto-Aggression produziert; und kreative Lebensgestaltung, die ein aktives Mitgestalten des Lebensalltags erfordert und dafür sorgen kann, dass unser Nervensystem nicht nur überlebt, sondern gedeiht. Ein möglicher Start zum Erkunden des eigenen Neuroprofils ist z.B. unser kostenloser Neurodiversität-Test.

Nazim Venutti, MSc Psych
Nazim Venutti, MSc Psych

ist Klinischer Psychologe und Komponist aus Hamburg. Er ist selbst neurodivergent und kombiniert eine fachliche Perspektive mit einer Sicht aus Innen heraus. Er ist Autor des Buches Neurodiversität Meistern und Entwickler des Neurodiversität-Selbsttests.

Ich bin
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