7 Min. Lesezeit · 17. September 2026

Wie zuverlässig ist der Neurodivergenz-Test von Zensitively? Die Gütekriterien in Zahlen

Nazim Venutti, MSc Psych
Nazim Venutti, MSc PsychKlinischer Psychologe und Komponist

Die Testgüte in Zahlen: was das ZNI misst, an wem es normiert ist, wie stabil seine Werte sind und was es nicht kann. Eine Zusammenfassung der technischen Dokumentation, Version 1.0, September 2026.

Was das ZNI ist

Der Neurodivergenz-Test von Zensitively, das Zensitively Neurodivergenz-Inventar (ZNI), ist ein psychometrisches Selbstbeurteilungsverfahren: 60 Aussagen, fünf Antwortstufen, Werte von 0 bis 100. Es beschreibt, wie Sie nach eigener Auskunft wahrnehmen, sich vertiefen und reagieren, und welche Kosten Ihr Alltag daraus derzeit zieht. Sieben Skalen bilden das Rückgrat: Hochsensibilität, Monotropismus, Kinetisch-kognitiver Lernstil, Alexithymie, Emotionale Überwältigung (assoziiert mit RSD), Camouflagieren und Selbstkritik. Das Ergebnisdokument zeigt Werte, die aus denselben 60 Antworten berechnet werden; die technische Dokumentation weist die Gütekriterien der sieben Skalen und des Gesamtwerts aus.

Das ZNI stellt keine Diagnose. Ein psychometrisches Verfahren misst und beschreibt, wo Sie stehen. Das ist seine Aufgabe, und daran wird es gemessen.

Was "psychometrisch" bedeutet, lässt sich prüfen. Ein Verfahren verdient das Wort, wenn seine Gütekriterien bekannt sind: Wie zuverlässig misst es, wie stabil sind die Werte, misst es das, was es zu messen beansprucht, und mit wem vergleicht es. Dieser Beitrag legt diese Zahlen offen. Die vollständige technische Dokumentation steht als PDF zur Verfügung (Link am Ende).

Woher die Zahlen kommen

Bis September 2026 wurde das ZNI 155.609 Mal vollständig beantwortet, davon 129.800 Mal auf Deutsch. Die Kennwerte in diesem Beitrag stammen aus einer Normgruppe von 9.270 Personen: deutschsprachige Erstteilnahmen zwischen dem 16. Juli und dem 16. September 2026, mit einer Bearbeitungszeit von mindestens zwei Minuten und ohne Durchklick-Muster.

Ein Vorbehalt gehört an den Anfang. Wer das ZNI ausfüllt, hat es gesucht. Die Normgruppe ist deshalb keine Bevölkerungsstichprobe, und Alter, Geschlecht und Wohnland der Teilnehmenden werden nicht erhoben. Wenn das Dokument Ihren Wert mit anderen vergleicht, dann sind das Menschen, die aus eigenem Anlass einen Test zu Neurodivergenz aufsuchen. Diese Gruppe ist der Vergleich, den die Daten hergeben.

Wie zuverlässig die Skalen messen

Zuverlässigkeit bedeutet hier: Die Aussagen einer Skala messen dasselbe. Der übliche Kennwert ist Cronbachs Alpha; Werte ab .70 gelten als ausreichend, ab .80 als gut.

SkalaAussagenAlphaOmega
Hochsensibilität9.81.82
Monotropismus10.85.85
Kinetisch-kognitiver Lernstil8.81.82
Alexithymie10.90.91
Emotionale Überwältigung6.74.74
Camouflagieren13.91.91
Selbstkritik2.82

Sechs Skalen liegen zwischen .74 und .91. Selbstkritik besteht aus zwei Aussagen und wird deshalb als Indikator geführt, nicht als Skala. Jeder Wert hat einen Messfehler; die Dokumentation gibt ihn für jede Skala an, er liegt bei 7 bis 11 Punkten. Unterschiede zwischen zwei Ihrer Werte, die kleiner sind als etwa 20 bis 30 Punkte (je nach Skala), lassen sich deshalb nicht deuten.

Wie stabil die Werte sind

Ein Merkmalswert ist nur dann etwas wert, wenn er nach einigen Wochen noch ungefähr derselbe ist; Belastungswerte dürfen sich ändern, sollen aber nicht zufällig schwanken. In 1.795 Fällen wurde das ZNI unter derselben Benutzerkennung nach 14 bis 90 Tagen ein zweites Mal beantwortet. Die Werte beider Zeitpunkte korrelieren je nach Skala mit .67 bis .79. Nach drei bis zwölf Monaten (2.692 Fälle) sind es .60 bis .74.

Ein Teil dieser Wiederholungen stammt nicht von derselben Person, weil eine Benutzerkennung manchmal an Partner oder Freunde weitergegeben wird. Wir haben diesen Anteil geschätzt, indem wir die Antwortmuster beider Zeitpunkte verglichen haben: Etwa jedes fünfzehnte Paar ist ein anderer Mensch. Um diesen Anteil bereinigt liegt die Stabilität nach zwei Wochen bis drei Monaten bei .72 bis .85. Wir berichten beide Zahlen. Paare wurden nicht nach ihrer Ähnlichkeit aussortiert; das würde die Stabilität künstlich verbessern.

Ob die Skalen messen, was sie beanspruchen

Für die Validierung haben 445 Personen zusätzlich zum ZNI fünf etablierte Verfahren beantwortet: die Highly Sensitive Person Scale, den Monotropism Questionnaire, die Conners' Adult ADHD Rating Scales (CAARS), die Toronto Alexithymia Scale (TAS-20) und den Camouflaging Autistic Traits Questionnaire, im Abstand von im Median 160 Tagen. Damit lässt sich prüfen, ob die eigenen Skalen dasselbe messen wie die etablierten Verfahren.

Weil zwischen beiden Antworten Monate liegen, ist die Frage nicht, ob die Korrelation bei 1 liegt, sondern wie nah sie an das herankommt, was das etablierte Verfahren über denselben Zeitraum mit sich selbst korreliert.

Eigene SkalaEtabliertes VerfahrenKorrelationAnteil an der Obergrenze
HochsensibilitätHighly Sensitive Person Scale.7095 %
MonotropismusMonotropism Questionnaire.6790 %
Kinetisch-kognitiver LernstilConners' Adult ADHD Rating Scales.6995 %
AlexithymieToronto Alexithymia Scale.7194 %
CamouflagierenCamouflaging Autistic Traits Questionnaire.6995 %

Mit den anderen Verfahren korrelieren diese Skalen deutlich niedriger, .30 bis .41; Camouflagieren korreliert mit .57 auch mit der RSD-Liste, weil beide den Rückzug aus Angst vor Ablehnung erfassen. Das spricht dafür, dass jede Skala vor allem ihr eigenes Konstrukt erfasst; unabhängig voneinander sind die Skalen nicht, wie der nächste Abschnitt zeigt. Zwei Ausnahmen nennen wir ausdrücklich: Für Emotionale Überwältigung ist der Bezug eine klinische Screening-Liste zu Rejection Sensitive Dysphoria, kein validiertes Instrument; die Übereinstimmung von .60, 83 Prozent der Obergrenze, führen wir als unterstützende Information. Für Selbstkritik gibt es kein eigenes Validierungsverfahren.

Wie das ZNI aufgebaut ist

Eine Faktorenanalyse der 60 Aussagen zeigt einen starken gemeinsamen Faktor; eine Parallelanalyse weist insgesamt acht Faktoren aus, von denen sieben den Skalen entsprechen. Der gemeinsame Faktor ist inhaltlich der Faktor der Belastung: Seine stärksten Aussagen handeln davon, sich zu verstellen, eigene Reaktionen zu unterdrücken und nicht zu wissen, was man fühlt. Das ist ein Befund über die Menschen, die das ZNI ausfüllen, und er trägt die Interpretation: Die Kosten hängen zusammen, wer an einer Stelle zahlt, zahlt meist auch an anderen.

Strenge Strukturmodelle, in denen jede Aussage nur zu ihrer Skala gehören darf, erreichen deshalb die üblichen Anpassungswerte nicht ganz: CFI .82 für die sieben Skalen, .85 für ein Modell mit gemeinsamem Faktor, bei RMSEA .05 und SRMR .05 bis .06. Die Dokumentation berichtet diese Werte mit allen Einschränkungen. In vier weiteren Sprachen, Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Türkisch, hat das ZNI eine ähnliche Struktur; für Englisch ist die Übereinstimmung geringer, für Italienisch ist die Stichprobe für die sieben Skalen noch zu klein.

Der Gesamtwert

Der Neurodivergenz-Score, der Gesamtwert des Dokuments, korreliert nach zwei Wochen bis drei Monaten mit .75. Nach seinem Inhalt misst er nicht, wie anders jemand ist, sondern wie weit das eigene Erleben durch Neuronormativität diskriminiert wird, also was jemand für sein Erleben zahlt. Seine Berechnung ist nicht veröffentlicht; seine Stabilität und seine Verteilung in der Normgruppe stehen in der Dokumentation.

Was das ZNI nicht kann

  • Es stellt keine Diagnose und sagt nichts darüber, ob bei Ihnen eine Diagnose vorliegt. Es wurden keine Daten zu klinischen Diagnosen erhoben, und es gibt keine Trennwerte.
  • Seine Normgruppe sind Menschen, die das ZNI gesucht haben, keine Bevölkerungsstichprobe; ihre Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht ist nicht bekannt.
  • Alle Werte sind Selbstauskünfte.
  • Die Prüfung gegen die etablierten Verfahren beruht auf zeitversetzten Antworten derselben Personen, nicht auf gleichzeitiger Erhebung.
  • Selbstkritik besteht aus nur zwei Aussagen.
  • Etwa jedes fünfzehnte Wiederholungspaar stammt von einer anderen Person unter derselben Benutzerkennung.

Was als Nächstes geprüft wird

Eine Wiederholungsstudie mit ausdrücklicher Einwilligung zur zweiten Teilnahme, eine gleichzeitige Erhebung der eigenen Skalen mit den etablierten Verfahren, eine Prüfung, ob die Aussagen in allen Sprachen gleich funktionieren, und die Erhebung von Alter und Geschlecht für Fairnessanalysen.

Zur technischen Dokumentation

Die vollständige Dokumentation mit allen Tabellen, Stichprobendefinitionen, Konfidenzintervallen und Literaturangaben: Technische Dokumentation des Zensitively Neurodivergenz-Inventars (ZNI), Version 1.0, September 2026, als HTML-Fassung und als PDF (englische Referenzfassung); die DOI wird nach der Registrierung ergänzt. Fachpersonen erhalten weitergehende Kennwerte auf Anfrage unter hallo@zensitively.com.

Nazim Venutti, MSc Psych
Nazim Venutti, MSc Psych

ist Klinischer Psychologe und Komponist aus Hamburg. Er ist selbst neurodivergent und kombiniert eine fachliche Perspektive mit einer Sicht aus Innen heraus. Er ist Autor des Buches Neurodiversität meistern und Entwickler des Neurodiversität-Selbsttests.

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